Die Europäische Bankenaufsicht (EBA) hat vor wenigen Tagen einen neuen Bankenstresstest veröffentlicht. Mitten in der italienischen Bankenkrise soll erfasst werden, wie stabil die 50 größten europäischen Banken in möglichen Finanzmarktturbulenzen dastehen würden. Das – scheinbar – beruhigende Ergebnis: Wenn man die Regeln europäischer Stresstests anwendet, verfügen alle Banken über ausreichend Kapital – mit Ausnahme der italienischen Bank Monte dei Paschi, der 5,6 Milliarden € fehlen.

Wenn das mal stimmt. 5,6 Milliarden € gelten in manchen Bankkreisen ja als Peanuts. Aber apropos Peanuts: Was ist eigentlich mit der Deutschen Bank, deren Aktie im letzten Jahr sage und schreibe 64 % ihres Wertes verloren hat? Oder mit der Commerzbank, deren Wert 56 % eingebüßt hat? Sind die europäischen Banken wirklich so gesund?

Der Deutschen Bank fehlen Milliarden

Zweifel sind angebracht. Prompt haben Kritiker darauf hingewiesen, dass dasselbe Datenmaterial zu alarmierenden Ergebnissen führt, wenn man nicht die europäischen sondern die amerikanischen Stresstestregeln anwendet. Statt 5,6 Milliarden € ergibt sich dann eine Unterkapitalisierung von 123 Milliarden €! Allein der Deutschen Bank fehlen 19 Milliarden € – keine europäische Bank hat einen größeren Fehlbetrag.

Es kommt noch schlimmer. Werden statt der Buchwerte in den Bankbilanzen Marktwerte unterstellt und auch Staatsanleihen als riskant angesehen, wächst die Unterkapitalisierung der systemisch wichtigen Banken auf 675 Milliarden €! Der Deutschen Bank fehlen danach 79 Milliarden €, der Commerzbank 23 Milliarden € und Monte dei Paschi ledglich 7 Milliarden €. Das sind keine Peanuts mehr.

Steuerzahler könnten Schulden begleichen

Die Tatsache, dass die Spanne der Unterkapitalisierung von 5,6 Milliarden € (nach europäischen Stresstestregeln) bis zu dem Hundertzwanzigfachen (nach Marktbewertungen) reicht, ist extrem beunruhigend. Man weiß einfach nicht, was passieren könnte. Aber kein Staat kann eine systemisch wichtige Bank pleite gehen lassen, ohne eine schwere Wirtschaftskrise in Kauf zu nehmen. Deshalb werden im Ernstfall wieder die Steuerzahler die Bankschulden begleichen müssen.

Genau das aber darf nicht sein. Es ist fatal, wenn Banken riskante Spekulationen auf hohe Erträge eingehen, weil sie bei Misserfolg ja vom Steuerzahler gerettet werden. In der Wissenschaft fordern namhafte Experten seit langem Eigenkapitalquoten von 25 % – 30 %, aber in der EU tastet man sich nur zaghaft überhaupt an den zweistelligen Bereich heran. Das könnte ein böses Erwachen geben. Die Stresstestdaten zeigen, dass die EU schnell und beherzt handeln muss: Banken müssen genug Eigenkapital halten, um auch im ungünstigsten Fall ihre Verluste selbst decken zu können.

Gastkommentar am 5.8.2016 im Weserkurier, hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Verlags