Gerade erst hat die Eurozone weitere zehn Milliarden Euro für die Griechenland-Rettung freigegeben. Dabei zeigt eine Analyse des IWF drastisch, wie schlecht es um das Land bestellt ist – und dass in den nächsten Jahrzehnten keine Besserung in Sicht ist. Wer immer noch glaubt, was die EU-Kommission an rosigen Szenarien zur Griechenland-Rettung verkündet, sollte die neue, öffentlich zugängliche Schuldentragfähigkeitsanalyse (STA) des Internationalen Währungsfonds (IWF) lesen. Und dann mit der ganz anders gearteten STA vergleichen, die der IWF knapp ein Jahr vorher erstellt hat. Dann stellt man schockiert fest, in welch ungeheurem Ausmaß den Steuerzahlern Sand in die Augen gestreut und ihr Geld vergeudet wird.

Es liegen genau elf Monate zwischen der STA 2015 und der STA 2016. Beide projizieren die griechischen Schulden und den Schuldendienst bis ins Jahr 2060. Man höre und staune: Vor einem Jahr hat der IWF die griechischen Schulden im Jahr 2060 auf rund 250 Milliarden Euro geschätzt. Nur elf Monate später sind es 830 Milliarden Euro – mehr als das Dreifache!

2060 wird Griechenlands Schuldendienst 60 Prozent des BIP ausmachen

 Das ist nicht alles: Noch 2015 schätzte der IWF, dass der Schuldendienst Griechenlands im Jahr 2060 15 Prozent des BIP verschlingen würde. Schon das ist eine gewaltige Belastung. Zum Vergleich: Der gesamte Bundeshaushalt in Deutschland macht zehn Prozent des BIP aus. Aber elf Monate später schreibt der IWF plötzlich, dass 2060 der Schuldendienst Griechenlands 60 Prozent des BIP ausmachen wird! Griechenland wird in großem Maße Schuldendienst durch Schuldenmachen finanzieren müssen, denn niemals könnte es seinen Bürgern zumuten, soviel wie sechs Bundeshaushalte allein für den Schuldendienst aufzubringen!

Ist im letzten Jahr etwas Dramatisches passiert, das den IWF zu einer so radikalen Meinungsänderung bewogen hat? Keineswegs. Der IWF stellt in der STA 2016 sogar fest, dass Wachstum und Primärüberschuss Griechenlands sich besser als erwartet entwickelt haben. Aber dennoch, so der IWF, ließen sich die „ambitionierten Annahmen“ der STA 2015 heute nicht mehr rechtfertigen. Dass beispielsweise das griechische Produktivitätswachstum von einem der niedrigsten schnell zum höchsten der Eurozone werde, sei „nicht länger vertretbar“. Auch die Annahmen über künftige Haushaltsüberschüsse seien unrealistisch. Über mehrere Jahrzehnte werde Griechenland noch zweistellige Arbeitslosenquoten haben.

IWF stellt EU-Kommission an den Pranger

Diese Art von Selbstkritik übt der IWF über mehrere Seiten hinweg. Er stellt sich selbst an den Pranger: Seht, das haben wir angenommen und es war alles maßlos übertrieben! Er stellt aber auch die EU-Kommission an den Pranger, die fast zum selben Zeitpunkt eine eigene STA vorgelegt hat und unerschütterlich optimistisch bleibt. Ich erwähne nur en passant, dass der IWF im Überschwang plötzlicher Aufrichtigkeit selbst zentrale Annahmen seiner neuen STA für immer noch „ehrgeizig“ hält und vermerkt, sie würden sehr viel höhere Anstrengungen voraussetzen als bisher.

Welche Konsequenz zieht der IWF aus seiner neuen Lagebewertung? Sehr einfach: Griechenland braucht einen Schuldenerlass – zu tragen von den Staaten der Eurozone. Ohne (offenen oder verdeckten) Schuldenerlass ist der IWF nicht bereit, neue Kredite an Griechenland zu geben. Hier kommen wir zu des Pudels Kern: Einem Land Kredit zu gewähren, bevor der nötige Schuldenerlass kommt, heißt de facto: Das Geld ist weg. Deshalb hat sich der IWF schon 2015 geweigert, am neuen 86 Milliarden Euro schweren Griechenland-Programm teilzunehmen.

Neue Analyse zeigt: Griechenland ist pleite

Und hier ist der Skandal: Obwohl der IWF Bescheid wusste, hat er 2015 noch eine abwegig günstige STA vorgelegt, damit die Eurozone ihr Geld (nein: das Geld ihrer Steuerzahler) an Griechenland verleihen konnte. Aber die Eurozone drängt, dass der IWF sich auch beteiligt. Um dies abzuwehren, hat der Währungsfonds nun die Karten auf den Tisch gelegt: Die neue STA zeigt, dass Griechenland pleite ist. Noch skandalöser ist nur das Verhalten der EU, die immer noch die Bürger täuscht, obwohl der IWF inzwischen zum Kronzeugen mutiert ist.

Übrigens: Wir Europaabgeordneten erhalten noch mehr Informationen über Griechenland. Aber nur vertraulich. Wir dürfen sie nicht öffentlich machen. Jeder Bürger mag sich einen Reim darauf machen, warum nicht. Doch was ich noch sagen darf: Gerade erst hat die Eurozone wieder zehn Milliarden Euro für Griechenland freigegeben.

Beitrag auf Focus Online