Vor mir liegt die Anfrage von Cicero, welche Leitkultur ich mir für Deutschland wünsche. Leitkultur? Das Wort gehört nicht zu meinem aktiven Wortschatz. Immerhin teilt mir Cicero mit, in welchem Sinne ich Leitkultur verstehen möge: Als „Definition von Modalitäten, auf deren Basis das Zusammenleben in Deutschland geschehen sollte, um ein friedliches und auskömmliches Miteinander zu gewährleisten“. Puh! Wenn es eine Leitkultur gibt, dann sollte verschwurbeltes Deutsch jedenfalls nicht dazugehören.

Es geht im Klartext wohl um Anforderungen, die Deutschland an Flüchtlinge und Einwanderer richten soll. Anforderungen müssen erfüllbar sein. Es geht also nicht um Leitkultur im Sinne eines Ideals, sondern um das, was man billigerweise erwarten kann. Keineswegs jeder Deutsche ist kultiviert oder achtet und pflegt unsere Kultur. Von Ausländern, die bei uns leben, kann man aber schwerlich mehr verlangen als von Deutschen. Unsere Kultur kann Objekt der Bewunderung und Quelle der Inspiration sein, aber es ist unsinnig, sie als Anforderungsprofil oder Integrationsmaßstab zu deuten, weil dem auch viele Deutsche nicht genügen würden.

Sprache

Was wir von Ausländern verlangen müssen, lässt sich nicht leicht mit einem Begriff abdecken. Da ist zunächst die Beherrschung der deutschen Sprache. Sie ist einerseits zweifellos ein Teil unserer Kultur, andererseits schlichtes Medium der Verständigung. Die legitime Anforderung an Ausländer besteht darin, dass sie die deutsche Sprache als Medium der Verständigung erlernen. Ein besonders kultivierter Gebrauch des Deutschen wäre erfreulich, keineswegs aber erforderlich.

Normen

Modalitäten des Zusammenlebens sind zweitens durch Gesetze, Vorschriften und nicht kodifizierte gesellschaftliche Normen gegeben. Das ist nicht Leitkultur, das sind Leitplanken. Sie zu achten, ist eine natürliche Anforderung an alle Bürger. So auch an Zuwanderer, die bei uns leben wollen.

Werte

Natürlich ist auch ein Regelwerk in Teilen kulturell. Seine Basis aber sind Werte. Leitwerte, meinetwegen. Werte prägen unser Leben weit über Regeln und Normen hinaus. Und deshalb müssen wir drittens von Ausländern erwarten, dass sie unsere Werte achten und sich zu eigen machen: Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit, Toleranz, Respekt, Gewaltlosigkeit, Fürsorge, Nächstenliebe, Aufrichtigkeit, Fleiß, Ordnung, Sauberkeit, Zuverlässigkeit, um ein paar zu nennen. Gewiss, nicht alle diese Werte sind gleich wichtig. Aber auch die, die manche naserümpfend als Sekundärtugenden abtun, prägen unser Land. Ihre Missachtung beeinträchtigt das gedeihliche Zusammenleben.

Deutschsein

Es gibt noch ein Viertes, das wir von Zuwanderern erwarten müssen: den Willen, Deutsche zu werden. Oder zumindest den Willen, dass ihre Kinder sich als Deutsche fühlen. Die ersten drei Punkte kann auch ein Gast erfüllen, und deshalb ist dieser Wille mehr als deren Synthese: Er ist die innere Bejahung des Deutschseins. Ohne diesen Willen liefe Deutschland Gefahr, zum Vielvölkerstaat zu werden. Deshalb muss dieser Wille Teil der Anforderungen sein, die wir an Ausländer richten. Und an dieser Stelle erübrigt sich die Leitkultur: Denn wer diesen Willen hat und ihn lebt, der mag gerne das kulturelle Erbe seines Herkunftslands pflegen und uns Deutschen zugänglich machen.

Beitrag in der Dezemberausgabe 2015 des Cicero – Magazin für politische Kultur
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags

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