Ich möchte Ihnen über meine Reise in die Provinz Gaziantep in der Türkei berichten, wo ich am 20.3.2016 das Flüchtlingslager Nizip II besucht habe.

Die beiden Flüchtlingslager Nizip I und Nizip II liegen am Ufer des Euphrat in der Nähe der Stadt Nizip, ca. 30 km von Gaziantep entfernt. In Nizip I sind ca. zehntausend syrische Flüchtlinge überwiegend in Zelten untergebracht. Nizip II auf der anderen Seite der Brücke beherbergt ca. 5000 Flüchtlinge in Wohncontainern. Die Unterbringung ist hier deutlich komfortabler als die Unterbringung in Zelten, weil in den Containern fließendes Wasser, eine kleine Kochnische und Elektrizität vorhanden sind. In den Zeltlagern gibt es fließend Wasser nur in gemeinschaftlich genutzten Wasch- und Toilettencontainern. Aber auch in den Zelten haben die Bewohner Zelte Satellitenempfang und Fernsehen. Die 250.000 Flüchtlinge in der Türkei sind überwiegend in Zelten untergebracht.

Das Lager Nizip II, das ich besucht habe, ist insofern sicherlich ein Vorzeigelager als die Flüchtlinge hier in Wohncontainern untergebracht sind. Ich war dort mit einer Delegation von Lagerverantwortlichen und örtlichen Politikern der Provinz Gaziantep sowie mit Dolmetschern. Das Lager ist umzäunt. Die Bewohner können das Lager verlassen, müssen aber zu einer Sperrstunde am Abend wieder zurück sein. Manche verlassen das Lager für saisonale Gelegenheitsarbeiten z. B. in der Landwirtschaft. Ansonsten gibt es dort praktisch keine Möglichkeiten, einer Berufstätigkeit nachzugehen. Die Hälfte der Lagerbewohner übt keine Erwerbstätigkeit aus, die andere Hälfte geht außerhalb des Lagers Aushilfstätigkeiten nach. Einige Flüchtlinge nehmen im Lager an freiwilligen Aktivitäten teil oder engagieren sich als Lehrer oder Elektriker in der Lagerverwaltung.

Die Wohncontainer sind mit zwei Wohnräumen ausgestattet, dazwischen liegen Eingangsbereich und Nasszelle. In einem der beiden Wohnräume befindet sich eine Kochgelegenheit. Dieses Papp-Modell eines Containers haben Teilnehmer des Kurses gebastelt:

Umzäunung Flüchtlingslager Nizip II

Das Lager wird von der Hilfsorganisation Afad verantwortet, wie alle anderen Lager in der Türkei. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen betreibt in der Türke keine Lager.

Viele Flüchtlinge leben außerhalb der Lager, wenn sie über genügend Geld verfügen, um eine Miete bezahlen können. Die Fluktuation in den Lagern selbst ist relativ gering. Das von mir besuchte Lager in Nizip wurde 2013 eingerichtet und sofort vollständig belegt. Seither hat es nur geringfügige Aus- und Einzüge gegeben.

Der Lagerleiter betonte, in seinem Lager habe vor Beginn der Flüchtlingskrise im August 2015 kein Mangel geherrscht. Ich konnte nicht klären, ob das der Wahrheit entspricht oder ob er nicht zugeben mochte, dass es vielleicht auch Missstände gab, die er nicht eingestehen wollte. Offenbar haben sich die Flüchtlinge in den Lagern bei Nizip nicht in größerer Zahl dem großen Flüchtlingsstrom nach Europa angeschlossen. Die Flüchtlinge, mit denen ich gesprochen habe, wollen auch nicht nach Europa weiterziehen, sondern in erster Linie nach Syrien zurückkehren, sobald das möglich ist.

Die Lager liegen 100 km nördlich von Aleppo. Die Grenze ist geschlossen, lediglich kranke oder verletzte Flüchtlinge werden von die Türkei aufgenommen und in Lagern untergebracht. Das Lager Nizip II beherbergt besonders viele Kriegsversehrte, weil man ihnen durch Unterbringung in Wohncontainern eine relativ gute Versorgung gewähren möchte.

Im Sozialzentrum des Lagers finden soziale Aktivitäten statt, wie beispielsweise ein Computerkurs für Kinder oder Zeichnen- und Malkurse. In einem Raum waren die Gemälde und ausgestellt, wie auf diesen Fotos zu sehen. Dargestellt werden Motive von einem schönen Leben, aber auch Darstellungen von Kriegsgräueln und Trauer.

Ich habe mit einigen wenigen Frauen sprechen können, sofern sie Englisch sprachen. Diese Frau hier wohnt im Lager mit ihren beiden Kindern, ohne ihren Mann, aber sie wollte nicht darüber sprechen, was mit ihrem Mann geschehen ist, ob er noch am Leben ist und warum sie von ihrem Mann getrennt wurde.

Eine Moschee gibt es im Lager wie auch einen Fußballplatz mit Kunstrasen. Bei meinem Besuch spielten dort Mädchen Fußball. Die meisten Mädchen tragen bereits ab dem Alter von ungefähr zehn, elf Jahren ein Kopftuch. Der Fußballplatz, vor zwei Jahren gebaut, wurde von der AECR, der Allianz europäischer Konservativer und Reformer, finanziert.

Im Lager gibt es einen Lebensmittelmarkt mit allem, was man zum Leben braucht. Die Flüchtlinge kaufen selbst ein und kochen selbst. Die zentrale Versorgung mit Mahlzeiten stieß auf Widerstände, weil das Essen nicht schmeckte oder nicht bestimmten Vorstellungen entsprach. Die Lagerbewohner bekommen nun pro Monat ca. 30 € pro Person auf eine Geldkarte ausbezahlt, um damit Lebensmittel zu kaufen.

Das Lager unterhält einen Kindergarten, eine Schule, eine Oberschule und eine Art Berufsschule. Der Kindergarten ist sehr gut ausgestattet, ähnlich wie ein deutscher Kindergarten mit viel Spielzeug, Kissen für Kuschelecke und den Bastelarbeiten der Kinder. Die Grundschulen mit Klassen von 20 – 30 Kindern sind einfacher ausgestattet. Der Unterricht wird dort in arabischer Sprache und nach syrischen Lehrplänen erteilt. Die Lehrkräfte sind ebenfalls Flüchtlinge, die für ihre Lehrtätigkeit von der UNESCO bezahlt werden. Ferner unterrichten türkische Lehrkräfte Türkisch und Englisch als Fremdsprache. Unterricht in kurdischer Sprache gibt es nicht. Der Lagerleiter sagte, 99% der Kinder würden regelmäßig zum Unterricht kommen. An der Oberschule können die Flüchtlinge einen Highschool-Abschluss erwerben und damit eine türkische Universität zu besuchen, sofern sie ausreichende türkische Sprachkenntnisse besitzen. Eine überschaubare Anzahl von Jugendlichen hat das inzwischen auch geschafft und erhält dann für das Universitätsstudium ein Stipendium.

In der „Berufsschule“ werden nur zweierlei Qualifikation angeboten: Frauen werden als Näherin ausgebildet und Männer für das Legen von Mosaiken. Bei den Frauen durften wir keine Fotos machen. Die Frauen lernen unter anderem, Textilien zu verzieren. Grundsätzlich ist eine Qualifikation natürlich sinnvoll, allerdings herrscht in der Türkei an vermutlich kein Mangel an Näherinnen. Für Männer wird eine „Ausbildung“ für das Kleben von Mosaiken angeboten. Was ich gesehen habe, sind Klebearbeiten von sehr einfacher Qualität der jungen Männer. Weitere Ausbildungsmöglichkeiten, insbesondere in Handwerksberufen, bietet die Berufsschule leider nicht an.

In den Lagern in der Türkei leben ungefähr 250.000 Flüchtlinge, weitere 2,5 bis 2,8 Millionen Flüchtlinge leben in den Städten. In den Lagern leben überwiegend die schlecht qualifizierten und armen Flüchtlinge, die besser qualifizierten Flüchtlinge und diejenigen, die Vermögen mitgebracht haben, leben in den Städten. Sie finanzieren ihr Leben entweder aus den Ersparnissen, die sie mitgebracht haben oder durch Erwerbsarbeit. Sie haben in der Türkei keine Erlaubnis zu arbeiten, aber die Türkei duldet es.

In den Lagen gibt es angeblich keine größeren Konflikte.  Ich habe gefragt, ob zur Konfliktvermeidung nach religiösen oder Volksgruppe getrennt werde; das ist jedoch nicht der Fall, man hat die Flüchtlinge so aufgenommen wie sie gekommen sind. Die Lager sind in Blöcke eingeteilt, die durch eine Art Blockältesten geführt werden, der auch für Konfliktbewältigung zuständig ist. Sanktionsmaßnahmen für Unruhestifter sind Verweise, Ausgangssperren und als ultima ratio das Ausweisen aus dem Lager in ein Zeltlager. Die Lagerleitung legt sehr großen Wert darauf, dass die Flüchtlinge sehr zufrieden seien und für Konflikte kein Anlass bestehe. Alle Flüchtlinge seien sehr dankbar dafür, dass sie im Lager unterkommen konnten und versorgt werden.

Im Lager gibt es eine einfach ausgestattete Krankenstation zur Erstversorgung von eher harmlosen Krankheiten. Windpocken gab es nach Aussagen der Lagerleitung früher in der Türkei nicht mehr, sie seien jetzt durch die Flüchtlinge wieder eingeschleppt worden. Menschen mit schweren Krankheiten werden in ein Krankenhaus gebracht. Im Lager leben Menschen mit Behinderungen oder mit Kriegsverletzungen, wie dieser kleine Junge im Rollstuhl.

Ich habe eine Familie aus Aleppo in ihrem Container besucht. Der Vater arbeitete in Aleppo als Elektriker und Schlachter, jetzt aber hat er keine Möglichkeit, in diesen Berufen zu arbeiten. Er arbeitet jedoch als Freiwilliger täglich drei Stunden im Lager, das vertreibt wenigstens die Langeweile. Die Frau ist Hausfrau und kümmert sich um die Kinder. Sie hat im Lager die Ausbildung zur Näherin gemacht und die nackten Metallwände des Wohncontainers mit ihren Handarbeiten sehr wohnlich gemacht.  Die Familie wollte die politische Lage nicht im einzelnen kommentieren und sagte nur, dass sie sich Frieden in Syrien wünsche. Sie sympathisiert mit der Freien Syrischen Armee, in der Angehörige der Familie dienen. Sechs Familienangehörige seien bei Kämpfen ums Leben gekommen. Sie selbst seien geflohen, nachdem ihr Wohngebiet in Aleppo von Assads Truppen bombardiert worden war.

Insgesamt machte das Lager einen sehr guten Eindruck. Es findet sich hier alles, was man für wünschenswert und machbar halten kann in einem solchen Lager. Zweifellos ist Nizip II ein Vorzeigelager. Aber es wird glaubhaft versichert, dass andere Lager eine ähnliche Versorgung böten und der Unterschied im wesentlichen darin bestehe, ob Wohncontainer zur Verfügung stehen oder ob die Flüchtlinge in Zelten leben müssen.

Am dringlichsten müssten Erwerbsmöglichkeiten und Beschäftigung für die Flüchtlinge geschaffen werden. Die karge Gegend um Nizip hat jedoch praktisch keine Infrastruktur, es wird nur eine einfache Landwirtschaft betrieben mit dem Anbau von Pistazien und Oliven. Es dürfte kaum vorstellbar sein, dass hier Arbeit für 15.000 Menschen geschaffen werden kann. Insofern begrüße ich persönlich es, dass nur ein kleiner Teil der Flüchtlinge in Lagern lebt und der größere Teil in türkischen Städte sein Auskommen zu finden scheint, wenngleich auch vermutlich auf sehr geringem Niveau – z. B. wohl ohne Anspruch auf Krankenversicherung.

Es war durchaus spürbar und glaubhaft, dass die Türken den Flüchtlingen das Leben so erträglich wie möglich machen wollen. Die Türken sehen die Syrer als Brüder, als Türken, die arabisch sprechen, als arabisierte Überbleibsel des Osmanischen Reiches. Ein Begleiter wurde nicht müde, mir zu versichern, dass die „richtigen Araber“ arrogante Schnösel seien, die auf der arabischen Halbinsel in großem Wohlstand wohnten.

2,5 bis 3 Millionen Flüchtlinge haben in der Türkei Aufnahme gefunden und es werden auf natürlichem Wege immer mehr. In der syrischen Flüchtlingsbevölkerung in der Türkei wurden mündlichen Angaben zufolge inzwischen rund 300.000 Kinder geboren, im Lager Nizip II 300 Babies (was prozentual nur halb soviel wäre). Empfängnisverhütende Mittel werden angeboten, aber kaum in Anspruch genommen. Insofern wird durch das natürliche Bevölkerungswachstum die Flüchtlingsbevölkerung in der Türkei deutlich wachsen. Darüber hinaus ist natürlich auch der Krieg in Syrien noch lange nicht beendet.

Allein in der nahegelegenen Großstadt Gaziantep (1,8 Mio Einwohner) sollen sich rund 250.000 syrische Flüchtlinge außerhalb der Lager aufhalten. Das mache sich für die türkische Bevölkerung durch steigende Mieten und sinkende Löhne bemerkbar.

Immerhin ist es bemerkenswert, dass der größere Teil der Flüchtlinge imstande ist, sich in der Türkei selbst zu unterhalten. Die Integration in den dortigen Arbeitsmarkt ist zweifellos leichter als in Deutschland. Die Nachfrage nach Wohnungen und die gestiegenen Mieten werden vermutlich zu gesteigerter Bautätigkeit führen, wovon Impulse auch für die türkische Wirtschaft ausgehen. Zugleich entstehen natürlich durch die Bautätigkeit und die Nachfrage, die die syrischen Flüchtlinge tätigen, auch Arbeitsplätze vor allem für Menschen mit geringen Qualifikationen.

Es ist zu hoffen, dass die Türkei auch künftig bereit ist, Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen. Die Vereinten Nationen, namentlich das Flüchtlingshilfswerk UNHCR, aber auch die UNESCO und die Weltgesundheitsorganisation sollten von der westlichen Staatengemeinschaft und allen anderen zivilisierten Staaten erhebliche zusätzliche Mittel erhalten, um die Türkei bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise unterstützen zu können. Dabei geht es nicht nur um eine möglichst gute Versorgung in den Lagern, sondern auch und vor allem um die Förderung der wirtschaftlichen und sprachlichen Integration der Flüchtlinge, die sich in der Türkei eine neue Existenz aufbauen wollen.

Zugleich sollte insbesondere die EU darauf hinwirken, dass die Türkei alle Voraussetzungen erfüllt, um als sicherer Drittstaat anerkannt werden zu können. Die bedeutet nicht nur, dass Flüchtlinge nicht in das Land ihrer Verfolgung zurückgewiesen werden, sondern auch, dass Flüchtlinge in der Türkei genauso behandelt werden wie andere Ausländer und dass ihnen die Mindeststandards an sozialer Sicherung gewährt werden.

Das Video:

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