Der Auftritt des griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras im Europäischen Parlament hat in der anschließenden Aussprache so manchen Parlamentarier zu großen Worten bewegt. Dort war von Werten die Rede – von Wahrheit, Würde und Demokratie. Leider ist dabei auch viel geheuchelt worden. Wenn der EVP-Fraktionsvorsitzende Weber etwa Alexis Tsipras vorwirft, seinem Volk nicht die Wahrheit gesagt zu haben, muss sich Weber umgekehrt genauso nach dem Versprechen seiner Christdemokraten an das deutsche Volk fragen lassen: Niemals müsste Deutschland für fremde Schulden einstehen, hieß es einmal. War das die Wahrheit, Herr Weber? Und wenn der Vorsitzende der sozialdemokratischen Fraktion unter großem Beifall des Hauses verkündet, dass es nie einen Grexit geben werde: Wurde nicht gesagt, dass unsere Hilfe nur unter Bedingungen gewährt wird?

Die europäische Demokratie ist in einer Krise

Die Wahrheit lautet in Wirklichkeit: Wenn es nie einen Grexit gibt, wird es immer Hilfen geben! Soviel zu den Werten Wahrheit und Demokratie. Zu Letzterer scheint insbesondere der Vorsitzende der liberalen Fraktion ein ganz spezielles Verhältnis zu haben. Er redet im Parlament von Demokratie und diktiert gleichzeitig dem griechischen Ministerpräsidenten fünf Punkte in seinen Notizblock, wie er zu regieren habe. All dies zeigt mir: Nicht nur die europäische Währung ist in einer Krise, sondern auch die europäische Demokratie.